Weiter geht’s…

Vor über 6 Wochen haben wir das Ergebnis bekommen. Leider wieder schlecht.

In der Zwischenzeit hat sich so viel getan. Die Schwangerschaft und das Ergebnis mussten in meinen Gedanken aber erstmal zur Seite geschoben werden. Ein offener Tab im Hintergrund. Der aktuelle Tab war Micha. Mein Mann hatte eine dringend notwendige Op an der Wirbelsäule vor sich. Danach hätte er wieder besser und schmerzfrei laufen sollen. Die Wochen vor der Op hatte er starke Rückenschmerzen, ziehende Schmerzen in den Beinen und verlor immer wieder die Kraft zum gehen und stehen, knickte weg. Es verschlechterte sich rasant, während wir auf den Op-Termin warteten. Am Ende lief er mit Walkingstöcken in der Wohnung. Der Tag kam und wir hofften, dass es danach besser oder zumindest schmerzfrei sein würde. Wir wussten auch, dass es Risiken gibt. Die Operation dauerte unglaublich lange. Ich bin fast durchgedreht und dem Pflegepersonal auf der Station schon auf die Nerven gegangen, nachdem ich ab der 10. Stunde fast halbstündlich fragte, ob es Infos aus dem Op gab.

Nach über 12 Stunden bekam ich die Info, dass er auf der Intensiv-Station liegt. Es dauerte weitere zwei Stunden bis ich zu ihm kam. Er wurde noch beatmet und es ging ihm nicht sehr gut. Ein Arzt kam und fragte ihn, ob er seine Füße bewegen könnte, er solle sie doch mal bewegen. Nichts tat sich. „Spüren sie das?“ fragte er noch und streifte mit seinem Kugelschreiber Michas Beine entlang. Micha bekam Panik, schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an, schüttelte den Kopf. Sein Puls schoss in die Höhe, die ganzen Geräte fingen an zu piepsen. Ich versuchte ihn zu beruhigen. Ein Schock!

„Direkt nach der Op ist das noch nicht aussagekräftig. Alles wird gut. Beruhig dich und arbeite nicht gegen die Beatmungsmaschine. Wir haben darüber gesprochen, wir warten ein paar Tage ab, bevor wir uns Gedanken machen. Bei mir war das am Anfang auch so, vor sechs Jahren, das weißt du doch! Alles gut mein Herz! Beruhig dich!“

Es sind nun sechs Wochen und viele Komplikationen vergangen. Eine Hirnhautentzündung, Wundheilungsstörungen und ein Transport zu einer Reha und wieder zurück ins Krankenhaus. Weitere Ops wurden verschoben und manche abgesagt. Morgen geht es wieder zur Reha. Und morgen geh ich ins Krankenhaus.

Ohne Micha. Das war leider seit ein paar Wochen klar, dass Micha nicht bei der Entbindung dabei sein kann, da ich auch nicht mehr sehr lange warten konnte. Die ganze Zeit im Krankenhaus bei Micha, hab ich meine Kraft und Energie in ihn gesteckt. Letzte Woche Donnerstag hatte ich einen Termin bei meiner Frauenärztin. Zwei oder drei Wochen vorher war ich noch schnell bei einem Spezialisten für Skelettdysplasien in München. Er konnte mir ein paar Fragen mehr beantworten, als meine Frauenärztin und machte auch einen Ultraschall. Beim Termin bei meiner Ärztin sah man die Auswirkungen seines Gendefektes schon sehr stark. Sie rief im Krankenhaus an um die Einweisung abzuklären. Die Ärztin am anderen Ende der Leitung fragte, ob ich sofort oder morgen kommen würde. „Äh auf jeden Fall nicht jetzt! Ich bin nicht vorbereitet!“ Ok, morgen hieß es dann. Mir kamen die Tränen, ich musste weinen und es kam einfach so über mich. Das ging mir zu schnell. Ich hatte mich bis zu diesem Termin gar nicht mehr mit Filip und der Schwangerschaft auseinander gesetzt, Micha stand an erster Stelle und alles was damit zusammen hing.

Ich fuhr das Wochenende wieder zu Micha. Ich hatte aber Filip die ganze Zeit im Kopf. Ich lag viel bei Micha im Bett, dass er seine Hand auf meinen Bauch legen konnte, spüren wie aktiv sein dritter Sohn in meinem Bauch ist. Mittlerweile war ich in der 20. Woche. Mein Bauch schon groß und man spürt die Tritte und Bewegungen sehr deutlich.

Montag Nachmittag bin ich heim gefahren, um Zeit für mich mit Filip zu haben. Dinge erledigen die mir wichtig waren. Stoffe aussuchen, etwas für mein drittes Baby nähen. Wir hatten am Freitag zuvor mit der Klinik ausgemacht, dass ich nächsten Freitag zur Einleitung komme. Also ein paar Tage noch für mich.

Dienstag war ich bei meinen Neffen und hab die Schnitte für Filip gemacht. Ich hatte überall gesucht, Puppenschnitte angeschaut, aber die Proportion passte nicht und für so kleine Babys gab es keine Schnitte. Letztendlich hatte ich ein Schnittmuster für Frühchen-Wickelhemden gefunden und diesen mit dem Drucker auf 46% verkleinert. Etwas angepasst und jetzt hoffe ich, dass das in etwa passt, dass Filip in seiner Decke nicht ganz nackig liegt.

Mittwoch habe ich damit verbracht, Stoffe auszusuchen. Es war so schwer. Im Stoffladen kamen mir die Tränen. Micha war nicht da. Ich hab ihm alle Stoffe die mir gefielen abfotografiert und geschickt. Meine Mutter war auch nicht da um mir zu helfen. Ich dachte meine Tante würde an diesem Tag dort arbeiten, aber sie war auch nicht da. Na gut. Ich schaff‘ das auch alleine. Drei und halb Stunden später hatte ich eine Auswahl getroffen. Abends hab ich es nach langem Nervenzusammenbruch und „ich schaff das alles nicht, ich hab gar keine Kraft mehr“ dann doch geschafft, mich mit Micha am Telefon, an meine Nähmaschine zu setzen und zu nähen, was ich mir vorgenommen hatte.

Heute hab ich alles ewig vor mir her geschoben. Ich wollte die Wohnung etwas aufräumen, nachdem ich in den kurzen zwischenzeitlichen Aufenthalten zwischen Freiburg, München und Stuttgart immer nur ein, zwei Tagen hier mehr gehaust als gewohnt und Taschen mit nicht mehr Gebrauchtem aus dem Krankenhaus überall nur abgestellt hatte, sah es bisschen chaotisch aus. Ich musste meine Krankenhaustasche packen und meinen Koffer der letzten fünf, sechs Wochen ausräumen. Die Tasche mit den Sachen, die ich für Filip mitnehmen wollte, musste ich auch noch richten. Sechs Stunden war ich wach und hab nichts auf die Reihe bekommen. Ich lief durch die Wohnung und wusste nicht womit ich anfangen sollte. Ich hatte keine Motivation, keinen Antrieb. Ich setze mich auf mein Bett und starrte meinen Koffer an. Ich konnte aber nichts tun, als wär ich zu schwach, meinen Arm zu heben. Dann stand ich in der Küche, die Spülmaschine war eigentlich leer, ich hatte sie nur schnell angemacht, bevor ich zu Micha gefahren bin, dass nichts anfängt zu schimmeln, mit zwei Tellern, etwas Besteck, ein Topf und ein Glas. Eine Vase hatte ich noch mit rein, hatte ja Platz. Ich machte sie wieder zu mit dem Gedanken, würde wahrscheinlich nur 3 Minuten dauern… dann rief mich mein Papa an. Er hatte sein wöchentliches saunieren mit seinem Vater und seinem Bruder abgesagt, um mir heute noch zur Seite stehen zu können, falls ich brauchte oder wollte. Also hatte ich etwas Zeitdruck, ich wollte ihn nicht stehen lassen, nachdem er sich extra Zeit für mich genommen hatte. Plötzlich ging das aufräumen doch schneller als gedacht und ich richtete mich um mit ihm ins Krankenhaus zu fahren und ein Babysärgchen zu holen, das wir gemeinsam noch verschönern wollten.

Es dauerte länger als geplant, bis wir wieder zuhause waren und meine Schwägerin und meine Schwestern waren auch bei Mama und Papa zuhause, als wir dort ankamen. Papa nahm sich dann den Kleinen an und ich bemalte das Särgchen mit meiner kleinen Schwester. Ich hatte diesmal eine ganz genaue Vorstellung, wie ich es haben wollte, traute mich gar nicht anzufangen. Ich wollte dass es perfekt wird… letztendlich ist es perfekt geworden und noch schöner als wir uns vorgestellt hatten. Voller Freude, dass der Sarg so schön geworden ist, packte ich zuhause fröhlich meine und Filips Tasche. Als ich fertig war, dachte ich mir, was mach ich hier eigentlich schon wieder? Kann das sein? Andere Mamas packen in die Krankenhaus Tasche Strampler und Mützchen, zusammen mit einem Kuscheltier und bei mir ist ein Sarg für mein Baby, winzige Tücher, da er für die normalen aus dem Krankenhaus viel zu klein ist und darin untergehen würde und ein einziges und letztes Hemdchen. Ein Kuscheltier in doppelter Ausführung, dass ich eines immer bei mir behalten kann, zur Erinnerung und eines für Filip, für seinen Weg zu seinen Brüdern. Nun ich bin wohl vorbereitet, aber bereit fühle ich mich nicht. Ich fühle mich kraftlos, nur halb, ohne Micha, der seinen Sohn nie in seinen Händen halten wird, ihm kein Kuss geben kann und sich nur aus der Ferne verabschieden. Eigentlich bin ich stark, aber ich bin nicht aufgetankt und meine Tankstelle fehlt.

Morgen beginnt die Einleitung. Ich bin gespannt wie mein Baby aussieht, wie stark er sein wird. Ich hab Angst vor den Schmerzen, seelisch und körperlich. Ich hoffe, dass die Wehen nicht so lange dauern und ich noch etwas Zeit mit meinem Baby gemeinsam bekomme. Ich hoffe, dass Filip keine Schmerzen haben wird und es uns beiden nicht zu schwer fällt einander gehen zu lassen, in unterschiedliche Welten.

Ich liebe dich mein Baby 💚

Deine Brüder werden auf dich achten

2 Gedanken zu “Weiter geht’s…

  1. Ich mag einfach nicht den „gefällt mir“ Button drücken … ich mag dir auch nicht sagen, wie stark oder mutig du mir erscheinst, weil ich denke, dass man zuweilen gar keine andere Wahl hat als eine Situation, so schwer sie auch ist, irgendwie durchzustehen. Daher wünsche ich dir einfach noch viel, viel mehr Kraft. Alles gute für deinen Micha und das er auf lange Sicht wieder an deiner Seite stehen kann. Und natürlich sanfte Gedanken an deinen Filip.

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